Nun blickte Denna wehmütig und seufzte. »Ich hatte ja mal gehofft, dass sie das Buch im Laufe der Jahre irgendwann einmal beiseitelegen würden. Doch stattdessen musste ich feststellen, dass sie immer nur neue Kapitel darin aufschlagen.«
Sie hob ihre Hand, an der zwei Ringe prangten. »Statt Rosen schenken sie einem jetzt Gold, und dann werden sie mit einem Schlag ausgesprochen dreist.«
»Na, wenigstens sind es vermögende Männer, die dich langweilen«, sagte ich tröstend.
»Ein gemeiner Kerl bleibt ein gemeiner Kerl, egal, ob er vermögend ist oder nicht.«
Ich legte ihr besänftigend eine Hand auf den Arm. »Du solltest diesen Männern ihr krämerhaftes Denken verzeihen. Diese armen, reichen Kerle sehen, dass du nicht einzufangen bist, und dann versuchen sie halt, etwas zu kaufen, obwohl sie wissen, dass es nicht käuflich ist.«
Denna applaudierte. »Ein Gnadenappell für die Gegner!«
»Wenn ich dich daran erinnern darf: Du bist doch selbst auch nicht darüber erhaben, Geschenke zu machen«, sagte ich. »Ich weiß das nur zu gut.«
Da blickte sie streng und schüttelte den Kopf. »Es ist ein großer Unterschied, ob man aus freien Stücken etwas verschenkt oder ein Geschenk bekommt, das einen im Grunde nur an einen Mann ketten soll.«
»Das ist wohl wahr«, räumte ich ein. »Aus Gold lässt sich ebenso gut eine Kette schmieden wie aus Eisen. Aber dennoch: Kann man es einem Mann wirklich zum Vorwurf machen, wenn er hofft, dich anständig schmücken zu dürfen?«
»Wohl kaum«, sagte sie mit einem Lächeln, das ebenso amüsiert wie überdrüssig erschien. »Allerdings lassen die Vorschläge, die anschließend kommen, meist jede Anständigkeit vermissen.« Sie sah mich an. »Und du? Wie wäre ich dir lieber? Anständig geschmückt oder unanständig?«
»Darüber habe ich durchaus schon nachgedacht«, sagte ich und lächelte verstohlen, da ich an ihren Ring dachte, der sich in einem sicheren Versteck auf meinem Zimmer im ANKER’S befand. Ich musterte sie mit großer Geste. »Es hat beides etwas für sich. Aber Gold ist nichts für dich. Du bist selbst schon strahlend genug, dich muss man nicht noch aufpolieren.«
Denna nahm meinen Arm und drückte ihn und schenkte mir ein liebevolles Lächeln. »Ach, mein Kvothe. Du hast mir gefehlt. Ich bin nicht zuletzt deshalb in diese Weltgegend zurückgekehrt, weil ich hoffte, dich hier zu finden.« Sie stand auf und streckte mir einen Arm entgegen. »Komm, führe mich fort aus all dem.«
Kapitel 148
Die Geschichten der Steine
Auf der langen Fahrt zurück nach Imre sprachen Denna und ich über alles Mögliche. Sie erzählte mir von den Städten, die sie gesehen hatte: Tinuë, Vartheret, Andenivan. Ich erzählte ihr von Ademre und führte ihr ein wenig Gebärdensprache vor.
Sie zog mich mit meiner zunehmenden Berühmtheit auf, und ich erzählte ihr die Wahrheit hinter all den Geschichten. Ich erzählte ihr auch, wie es mit dem Maer ausgegangen war, und sie zeigte sich angemessen empört.
Doch es gab viel, worüber wir nicht sprachen. Keiner von uns kam darauf zu sprechen, auf welche Weise wir in Severen auseinander gegangen waren. Ich wusste nicht, ob sie nach unserem Streit verärgert abgereist war, oder ob sie der Meinung war, ich hätte sie verlassen. Jede Frage danach erschien mir gefährlich. Ein Gespräch darüber wäre bestenfalls unangenehm verlaufen, und schlimmstenfalls hätte es womöglich unseren damaligen Streit erneut angefacht, und das wollte ich unbedingt vermeiden.
Denna hatte ihre Harfe und eine große Reisetruhe dabei. Ich nahm an, dass ihr Lied mittlerweile fertig war und sie es öffentlich aufführte. Der Gedanke behagte mir gar nicht, dass sie es möglicherweise in Imre vortragen würde, wo zahllose fahrende Sänger es hören und von dort in alle Welt hinaustragen würden.
Dennoch sagte ich nichts dazu. Es war ein schwieriges Thema, für das ich den richtigen Moment abwarten musste.
Ich sprach sie auch nicht auf ihren Schirmherrn an, obwohl mich das, was mir der Cthaeh dazu gesagt hatte, quälte. Ich dachte ständig daran. Es verfolgte mich bis in meine Träume.
Felurian war ein weiteres Thema, das wir aussparten. Trotz all der Scherze, die Denna darüber machte, dass ich Banditen gerettet und Jungfrauen getötet hätte, erwähnte sie Felurian mit keiner Silbe. Das Lied, das ich geschrieben hatte, musste sie gehört haben, denn es war viel populärer als die übrigen Geschichten, die sie alle in- und auswendig zu kennen schien. Doch sie sprach es nicht an, und ich war nicht so dumm, selbst das Gespräch darauf zu bringen.
So blieben auf dieser Fahrt also viele Dinge ungesagt. Während unsere Kutsche die Straße hinabholperte, wuchs die Anspannung zwischen uns. Unsere Unterhaltung stockte immer wieder, das Schweigen hielt zu lange an oder war, obzwar nur kurz, abgrundtief.