Nun über mich und meine liebe Frau, deren Vorsorge, Phronesis und Mut, aber auch Glück ich es verdanke, daß ich lebe und noch arbeitsfähig bin. Wir blieben in Warschau, erlebten die Belagerung 1939, später waren beide im geheimen Unterricht tätig, meine Frau im Rahmen der höheren Schule, ich – im akademischen. Ausserdem verdienten wir noch durch Privatstunden in Fremdsprachen, ich hielt auch Vorträge über sozialphilosoph. Themen in privaten Kreisen und Jugendorganisationen. Alles freilich in grösster Konspiration. Mit der Zeit gewöhnte man sich daran, wie man an die dunklen Strassen, an die langen Monate ohne elektr. Licht, an die Durchsuchungen und Menschenfang auf den Strassen und in Häusern sich gewöhnt hat. Auch erfand man Gegenmittel dazu. Als wegen des Kontaktes mit der Jugend der Grund unter den Füssen zu brennen begann, mussten wir für einige Monate aus W verschwinden. Beinahe das ganze Jahr 42–43 verbrachten wir auf d[em] Lande, wo wir unseren Unterhalt ebenfalls durch privaten Unterricht verdienten. Schliesslich gerieten wir doch beide ins Gefängnis (in Radom) und nur durch glücklichen Zufall gelang es uns daraus zu entkommen. Der Aufstand 44 überraschte uns in unserem Gemüsegarten, eine halbe Stunde weit von unserem Haus. Wir blieben im Garten 10 Tage – auf strikt vegetarischer Kost ohne Brot, ja ohne Salz. Eine Bande besoffener Fremdlegionisten in deutschem Dienst (s. g. «Vikinger» und Ukrainer) beraubte uns der Reste unserer Habe (Uhre, Füllfeder, Ringe, Geld) und wiederum nur gutes Glück errettete uns vom Erschiessen. Nach Hause durften wir nicht mehr zurück, ja wir sahen von unserem Garten, wie es in Brand gesetzt wurde. Das errettete uns wohl das Leben: wie ich später erfuhr, wurden alle Bewohner unseres Hauses entweder am Ort erschossen oder ins Lager verschleppt, was ich sicherlich nicht aushalten würde. Dafür verloren wir aber unsere ganze Habe – darunter meine Bibliothek, mein Archiv und vor allemmeine Handschriften. Unter diesen befanden sich drei druckfertige Bücher, die ich während des Krieges geschrieben habe. Zwei dieser Arbeiten waren in Abschriften bei meinen Verlegern – auch sie gingen verloren. Nur 2 andere Arbeiten, deren Abschriften ausserhalb Warschau waren, wurden mir errettet. Die erretteten sind: 1. Die Schule der Demokratie. Grundzüge einer Didaktik (Ein Buch), 2. Die platonische und die evangelische Tugenden (Eine Abhandlung). – Die verloren gegangene Handschriften:
I. Die Religionsphilosophie Dostojewskijs (eine Abhandlung geschrieben in 2 Varianten – russisch und deutsch – für den Züricher Verlag „Vita Nuova“) 2. Zwei Zwillingsbände: I. Die angebliche und die echte Überwindung des Kapitalismus,
II. Der Verfall und die Erneuerung der Demokratie. Ganz im Sinne meines „transzendent. Empirismus“ habe ich in den beiden Bänden philosophische] Betrachtungen in ein reiches empirisches Material hineingewoben und auf ihmfundiert. Jetzt, als ich die neuesten Publikationen über dasselbe Thema lese (z. B. Mannheim u. a.), sehe ich, wie gut und zeitgemäss diese Arbeiten waren. Manchmal scheint es mir, daß sie das Beste waren, das ich je geschrieben habe. Ich hoffe, dass es mir vielleicht noch beschieden wird, sie neu zu schreiben.
Vor einem Jahre war ich besserer Hoffnung in der Hinsicht. Im letzten Januar nach einem schrecklichen Herzanfall erlebte ich schwere Krankheit (infarctus myocardii), drei Monate musste ich Bett hüten. Meine ärztlichen Kollegen und meine Frau haben mich zur Gesundheit gebracht. Aber ich habe nicht mehr frühere Energie u. Arbeitsfähigkeit.
In Łódź geht es mir sehr gut. Ich habe einen weiten Kreis von Kollegen und Studenten, die mich lieben und achten, auch einen engeren Kreis meiner Freunde, Assistenten und Schüler, denen ich „die Fakel zu überbringen“ hoffe. Einige von ihren werden schon in 2–3 Jahren Dozenten. Dann werde ich mich ruhig pensioneren lassen, um die mir noch beschiedene Zeit ganz der Abschließung meiner wissenschaftlichen] Arbeiten zu widmen. Ich fürchte, es ist mir noch nicht viel Zeit geblieben, muss mich also beeilen, dafür aber habe ich nicht viel Kraft. Die Arbeitsbedingungen bessern sich mit jedem Monate. Vor einem Jahre war es ganz knapp mit den Büchern. Jetzt bekommen wir schon vieles aus England, Frankreich], Schweiz, USA und Sowiets. In meinem Unterricht fühle ich mich ganz frei, ohne meine Überzeugungen ändern zu müssen. Auch äusserlich geht es mir besser, als man das erwarten konnte. Noch vor einem Jahre hatten wir buchstäblich nichts. Jetzt haben wir schon alles Notwendige an Kleidung und Wäsche, ja sogar Taschenuhren. Nette Wohnung, sehr bescheiden möbliert, aber Sie wissen, ich hing doch niemals an Sachen. Was wir beide verdienen, genügt uns durchaus zum Leben. Meine Frau arbeitet in der Zentrale des despolnischen Genossenschaftswesens, als Herausgeberin einer Monatsschrift. Bücher will ich nicht mehr sammeln (zum 3. Male!). Alles was ich bekomme oder für mich gelegentlich kaufe, übergebe ich der Bibliothek meines Seminars.